Ich höre Stimmen.

Von Ben Dover

Werte Leserschaft,

ich muß gestehen, die ganze Geschichte ist mir ein wenig unangenehm. Einer der letzten Ausgaben des erfolgreichsten Jugendmagazins Deutschlands lag ja ein kleines, batteriebetriebenes Transistorradio bei, das auch bei näherer Untersuchung keinen namhaften Hersteller aufweisen konnte. Zufällig begab es sich jedoch, daß ich noch 2 AAA-Batterien mit dem Kupferkopf fand (offenbar zur Instandhaltung meiner Hundertschaft an Fernbedienungen), die ich auch sogleich in besagtes Empfangsgerät einsetzte, um vor dem Einschlafen noch ein wenig stimmungsvoller Musik zu lauschen.

Wie versteinert lag ich in meinem Bett. Statt der durchaus erwarteten Populärmusik diverser privat betriebenen Sendeanstalten vernahm ich die unheilsschwangere Stimme eines strengen Priesters, der ein ums andere Mal den Rosenkranz herunterbetete. Offenbar in einem finsteren Kellerverlies, dem Hall nach zu urteilen. Instinktiv bereute ich all meine Sünden, zumal eine Reihe von Personen das Ave Maria lethargisch nachsprach. Unweigerlich fühlte ich den Schauder über meinen Rücken kriechen und mich nachgerade wie in ein namhaftes Videospiel versetzt, zumal ich diesen Sender mit keinem anderen Radio, und auch von keinem anderen Ort als meinem Bett empfangen kann. Bestrahlt “Opus Dei” etwa direkt mein Schlafgemach?
Meine Recherchen am nächsten Tag ergaben zum Glück, daß es sich beim ausgestrahlten Programm um eine Gebetsstunde von Radio Horeb, einer Art Zweigstelle von Radio Vatican, handelte. Sollten Sie, werter Leser, zu den wenigen Auserwählten zählen, die diesen Sender empfangen können, so möchte ich Ihnen ans Herz legen, Sonntags zu später Stunde doch einmal das Licht abzudunkeln und das Frequenzrad auf 92.4 zu drehen – ich bin sicher, so gegruselt haben Sie sich lange nicht mehr!

Autismuspunkte:

1 Star2 Stars3 Stars4 Stars5 Stars (No Ratings Yet)
Loading ... Loading ...

5 gehaltvolle Beiträge zu “Ich höre Stimmen.”

  1. Rudolph Möshammer sabbelt:

    Herr Dover,

    von Gruseln kann allenthalben keine Rede sein. Bleiben Sie ruhig!

    Natürlich bin ich in der vorteilhaften Lage, als redlicher Leser dieser Anschnur-Veröffentlichung, den vollständigen Rosenkranz mit seinen glorreichen, freudenreichen, lichtreichen und schmerzhaften Geheimnissen nachzubeten.

    Dass eben jener Vorgang für Sie ungewohnt erscheint, kann ich aus eigener Erfahrung deutlich nachvollziehen.

    Dennoch sollten sie es nicht unterlassen, weiterhin nach Stimmen aus dem Äther zu lauchen, vielleicht haben sie Ihnen noch das ein oder andere zu sagen.

  2. Dick R. Suck sabbelt:

    Werter Herr Dover,
    ich cann Ihren nahezu traumatischen Schockzustand sehr gut nachvollziehen. Ich persönlich hatte beim Lesen Ihrer Ausführungen zunächst an einen üblen Scherz der Redaktion des erfolgreichsten Jugendmagazins Deutschlands auf Kosten der Leserschaft gedacht, stellt doch die moderne Technik ausreichend Mittel zur Verfügung um eine solche Botschaft aufzuzeichnen und in einem kostengünstig produzierten Gerät auf Knopfdruckt wiederzugeben.
    Zum Glück hat sich diese Vermutung als unrichtig erwiesen und es handelte sich offensichtlich nur um einen – zugegebenermaßen fatalen – Bedienfehler Ihrerseits.

  3. Der Superhotte sabbelt:

    Ich cann mich Herrn Suck nur anschließen, wenngleich ich es weniger offensiv formulieren würde. Auch ich dachte zuerst an einen Scherz der Redaction besagter Kurzweillektüre.

  4. René sabbelt:

    Sehr geehrter Herr Dover, auch ich höre nun Stimmen. Allerdings nicht mittels eines Kleinradios sondern mittels eines Game Gears, der mit einem TV-Tuner ausgestattet ist. Solange der terrestrische Funk nicht tot ist, dürfen wir uns an der Wunderwelt der analogen Technik ergötzen.

    Ich dachte, sie freuen sich vielleicht dies zu hören.

  5. Ben Dover sabbelt:

    Werter Herr René,
    ich beglückwünsche Sie zum Erwerb Ihres terrestrischen Analogempfängers. Ich selbst besitze ebenfalls ein tragbares Spielegetriebe aus dem Hause Sega, nebst dem seperat erhältlichen Fernsehaufsatz, und ich bin mir sicher, dieses Gerät hätte mir viele unterhaltsame Stunden geschenkt, wenn mich der immense Batterieverbrauch nicht an den Rande des Ruins gebracht hätte.
    In meiner schönen bajuwarischen Heimat ist allerdings eine flächendeckende Grundversorgung mit analogen TV-Programmen nicht mehr gewährleistet, so daß besagte Herdware-Erweiterung hier inzwischen tatsächlich obsolet ist.

Etwas sinnvolles Beitragen